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Ein kurzer Blick auf den Weg ins Sernftal im Jahr der Hinrichtung Anna Göldis

Ein kurzer Blick auf den Weg ins Sernftal im Jahr der Hinrichtung Anna Göldis

Von Heinz Brühwiler, Elm, am 15. März 1999 aus dem Helikopter aufgenommener Lawinenkegel der Mettlenlaui, die am 20. Februar 1999 niedergegangen war und auch den Wald in ihrem Einzugsgebiet niedergelegt hatte. Heinz Brühwiler war damals Elmer Förster und Mitverantwortlicher für die Beurteilung der Lawinensituation im Sernftal. Wir danken ihm, dass er uns das Foto zur Verfügung stellt. Der Stauweiher existierte zu Afsprungs Zeit natürlich noch nicht. Aber das Bild vermag doch zu illustrieren, weshalb Afsprung von einem «abscheulichen Anblick» spricht.

1782 unternahm der Deutsche Johann Michael Afsprung (1748‒1808) eine Schweizerreise. In Briefform veröffentlichte er 1784 unter dem Titel Reise durch einige Cantone der Eidgenossenschaft einen Bericht. Die Beschreibung des Glarnerlands ist auf den 6. Juni des Reisejahrs datiert. Während der Berichterstatter die Landsgemeinde von Appenzell-Ausserrhoden und die Appenzeller insgesamt als demokratisch vorbildliches Volk lobt, hinterlässt seine Schilderung des Glarnerlands einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits erscheinen ihm die Glarner als «gesunde, muntere und sehr freundliche Leute». Anderseits wird ihnen «eine gewisse Verschlagenheit […] nachgesagt» (S. 73). Afsprung will diese Aussage allerdings weder bestätigen noch dementieren. In Glarus traf er mit dem Arzt Johann Jakob Tschudi, dem Vater Annamarias (Annamiggelis), des angeblich von Anna Göldi verhexten Kinds, zusammen, von dem er sich die Geschichte Anna Göldis erzählen liess. Mit Abscheu, aber ohne erstaunt zu sein, kommentiert der Anhänger der Aufklärung, später der Französischen Revolution und der helvetischen Verfassung die Anklage der Hexerei und das Todesurteil: «Man muß sich übrigens nicht wundern, dass in einem solchen Lande [Glarus] noch Hexerey geglaubt wird» (S. 75). Im Sernftal, das Afsprung bereiste, schreckten ihn die abschüssig vertikalen, aber doch in ihrer erhabenen Schönheit gewürdigten Felshänge, welche für ihn die Macht der Natur über den Menschen verkörperten. Nur der Plattenberg und der Weg dorthin, der über den Schuttkegel der Mettlenlawine führte, waren für den deutschen Aufklärer erzählenswert: «Auf dem Wege zum Blattenberge nahe bey Engi sahen wir eine Lauwine, die erst vor vierzehn Tagen herabstürzte, ein abscheulicher Anblick! Schnee, Eis, Felsenstücke und Bäume, alles auf einem Haufen, der wohl drey bis vier Büchsenschüsse breit war, und über den wir gehen mussten, weil der ganze Weg damit zugedeckt war.» (S.66) Die Mettlenlawine wäre demnach damals noch Mitte Mai niedergegangen. Schwerer Schneefall im Mai kommt, wenn auch selten, vor, aber ein Lawinenniedergang bis zum Talboden erscheint doch um diese Jahreszeit sehr ungewöhnlich. Vielleicht datierte der Lawinenkegel aus dem März, und Afsprung irrte sich, wenn er glaubte, die Schneemassen seien erst vor kurzem heruntergekommen. Über weitere Reiseziele und Eindrücke vernimmt der Leser nichts. Es ist nicht einmal sicher, ob Afsprung überhaupt den Plattenberg besuchte.

Der Reisebericht stammt aus einer Zeit, in der das Sernftal für den Verkehr schlecht erschlossen war. Der Fussmarsch von Schwanden durch die bis zur Höfliegg enge Sernfschlucht konnte einen eher an flaches oder auch hügeliges Land Gewöhnten wohl beeindrucken. Der Weg nach Elm, auf dem auch der Schiefer transportiert wurde, führte auf der linken Seite des Sernf, über den Warthstalden zur Engibrücke. Auch in den folgenden beiden Jahrhunderten, auch als dann eine Strasse gebaut war, blockierten oft die Folgen von Naturereignissen (Murgänge, Überschwemmungen, Lawinen) den Zugang zum Tal und zu den Dörfern.

Literaturhinweise: Jacob Gehring: Das Glarnerland in den Reiseberichten des XVII. ‒ XIX. Jahrhunderts. In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus 51, 1943, S. 1‒195, hier S. 94, in Teilen zitiert). ‒ Thomas Höhle: Afsprung, Johann Michael. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Hrsg. von der Stiftung Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). Bd. 1. Basel 2002, S. 126. ‒ Hanspeter Marti: Zum Fall Anna Göldi ‒Versuch einer ideologiehistorischen Rekonstruktion. In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus 99, 2019, S. 83‒131.

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